Schach Praline Pos1

Schach Praline Pos1
Kann Weiß gewinnen ???

Sonntag, 8. Januar 2012

Des Alten letzter Traum

 
 

Diese Nachricht wurde Ihnen von boesian via Google Reader gesendet.

 
 

via Schach und Kultur von Frank Mayer am 03.01.12

                  

 

Gemalt von Richard Earl Thompson (1914-1991)

 

 

Ein Schachmärchen  von Andreas Keil, Brüssel:

                    

          

 

Heute brauchten sie Ihn noch einmal!

Dieser Gedanke spornte den Alten an, als Er morgens seine Augen öffnete….

Langsam folgte der Blick des Alten den sonntäglichen Sonnenstrahlen, die matt durch die dicken Gardinen glitten.

 

Sie spiegelten sich an dem überdimensional grossen, hölzernen Schachbrett wieder, das Ihm seine Mannschaftskameraden zum

90. Geburtstag geschenkt hatten:

                                

Gemalt von Ilija Penusliski

 

Die weissen Felder blendeten seine alten Lider, doch die schwarzen schienen so klar wie nie zuvor.

Feld für Feld wanderten seine Augen die lange schwarze Diagonale entlang, von h8, wo Er sich oft erfolgreich verbarrikadiert hatte, über g7, seinem geliebten Fianchetto-Feld, nach f6 und c3, wo Er so manches Opfer gebracht hatte, bis hin zur entfernten Ecke nach a1, von der aus Er einigen lang-rochierten weissen Königen schwer hatte zusetzen können.

                                        

                        

          

 

Sicher, die Zeiten, als Er in seiner Heimatregion als gefährlicher Gegner gefürchtet war, waren lange vorbei, aber das änderte nichts an seiner Begeisterung für das Spiel und an seinem Ehrgeiz, für seinen Schachklub da zu sein.

 

Heute stand ein wichtiges Punktespiel an. Der Alte hatte sich nicht lange geziert, als die Mannschaft Ihn darum bat, sich noch mal ans Brett zu setzen.

Trotzdem wusste Er, dass dies auch ein Akt der Ehrerbietung Ihm gegenüber war.

Nicht nur hatte Er in den letzten Jahren kaum noch gespielt, auch fiel es Ihm zusehends schwerer, sich über Stunden am Brett zu konzentrieren.

Zudem trat Er heute gegen Jung an, einen aggresiven, aufstrebenen Schachspieler, der Ihn in seinem letzten Turnier vor ein paar Jahren mit relativer Leichtigkeit überspielt hatte.

 

 

            

Gemalt von Laurent Chimento

 

Ja, Er war sich der Schwere seiner Aufgabe bewusst, aber Angst vor einer möglichen Niederlage hatte Er nicht; das hatte schon vor Jahren aufgehört.

                      

 

Als der Mannschaftsleiter die Paarungen vorlas und mit schelmischem Grinsen – und unter fröhlicher Anteilnahme der anderen Spieler – "an Brett 8: Jung gegen "Alt'" verkündete, spürte der Alte ein herausforderndes Kribbeln in den Fingerspitzen.

Natürlich musste Ihn niemand mehr vorstellen, natürlich kannten alle nicht nur seinen Namen, sondern auch seine Verdienste, und tatsächlich waren die meisten Anwesenden seine Schachschüler gewesen.

 

Jetzt war Er bereit zu spielen, so wie immer, mit grosser Hingabe und letztem Einsatz.

 

                           

                         

chess battle ( fight ) – drawing by Elke Rehder

 

 

Weiss: Jung

Schwarz: "Alt"

 

1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 Sf6 5. f3!?

 

Jung spielte nicht nur blitzschnell, sondern auch mit einem blitzenden Lächeln im Gesicht.

Offenes Sizilianisch mit 5. f3; der Alte atmete tief durch. Eigentlich liebte Er es, sich erst mal ruhig aufzubauen: Entwicklung, Rochade, dann langsam aus einer sicheren, aber aktiven  Position  heraus nach Löchern im gegnerischen Lager suchen. Danach sah es nur gar nicht aus.

Ruhige Drachen- oder Igel-Züge würden Ihm die eingeengte schwarze Stellung nach weissem c4 aufbürden.

Er musste schon einige Minuten regungslos auf das Brett gestarrt haben, als sein Mannschaftsleiter ans Brett trat, ein grauhaariger Mann, etwas über 60.

Als jungem Burschen hatte Er diesem gepredigt, lieber  mit fliegenden Fahnen unterzugehen, als sich in eine dem eigenen Geschmack gar nicht liegende Stellung drängen zu lassen.

 

 

5….e5 6. Lb5+ Sbd7 7. Sf5 d5!

'Das fühlt sich richtig an', dachte der Alte, nachdem Er sich letztendlich zu dieser Zugfolge durchgerungen hatte. Was aber nach dem normalen 8. exd5 im Theoriebuch steht, wusste Er nicht mehr. Sein heissblütiger Gegner hatte indes etwas anderes vorbereitet.

 

8. Lg5?

 

                                

 

Schwungvoll krachte Jung diesen langen Zug aufs Brett, stand auf, streckte sich und begann, vergnügt am Knoten seines Verflegungsbeutel zu nesteln.

Der Alte spürte, dass sein Gegner erreicht hatte, was er wollte – Verwicklungen!

Der Alte versuchte, ein paar Varianten durchzurechnen, aber gelingen wollte Ihm das nicht. Als Er sich endlich damit abfand, dass es keine ruhige Positionspartie werden würde, hatte sein Gegner einen Apfel hervorgezaubert und mehrfach an einer bunten Flasche gesaugt, die die rätselhafte Aufschrift "Energy Drink" trug.

 

                               

 

'Gut', überlegte der Alte, 'Schach ist halt ein kompliziertes Spiel!'

 

8….Da5+ 9. Sc3 d4 10. Sxd4 exd4 11. Dxd4

 

Grundsätzlich war der Alte jetzt mit sich zufrieden, denn Er hatte die Herausforderung angenommen und einen Springer für zwei Bauern einkassiert. Je länger Er doch auf die weisse Dame auf der langen schwarzen Diagonale starrte, desto gefährlicher kam sie Ihm vor, und die verschränkten Arme seines zurückgelehnten Gegenüber verstärkten diesen Eindruck.

Beide seiner geliebten Springer waren "aufgespiesst", und während er von einer Rochade nicht einmal träumen konnte, stand Weiss dazu bereit, mit der langen Rochade auch noch einen Turm auf die d-Linie zu beordern. Auch sah Er in Gedanken schon die weisse Dame nach e5 gleiten, und Er hörte das laute

"Schach mit Damenverlust!" seines Gegeners nach Le7 und Lxd7+ schon in seinen Ohren schallen.

Diesmal versuchte der Alte gar nicht erst, irgendwelche Varianten durchzurechnen, sondern verliess sich gleich auf sein Gefühl.

 

                         

11…..Lb4!?

 

Vielleicht gelänge es ja, den Sc3 und  Lb5 loszuwerden. Oder nach De5+ auf f8 ein sicheres Plätzchen für den König zu finden.

Oder in ein Endspiel mit isoliertem weissen Doppel-Bauern auf der c-Linie einzulenken?!

Jung lehnte sich weit über das Brett und vergass dabei seinen Apfel.

Der Alte ahnte, dass sein Gegener wohl allerhand durchrechnen würde. So ergriff Er seinen Stock, kämpfte sich auf seine gebrechlichen Beine und schlürfte ins Nebenzimmer, um sich einen einfachen schwarzen Tee zu machen.

Er füllte das dampfende Getränk in den kleinen verbogenen Metall-Pott,

 

                                     

über den seit  Jahrzehnten gewitzelt wurde, den sich aber niemand zu entsorgen getraut hatte.

Als der Alte den Pott vorsichtig neben dem Schachbrett nieder stellte, krachte sein Gegner das nächste Schachgebot aufs Brett.

 

                                                                  

 

12. Lxd7+ Lxd7 13. Lxf6 gxf6 14. 0-0-0 Le6 15. Sd5 Lxd5

16. Dxf6?!

 

                             

 

Der Alte hatte bisher nur reagiert und blickte nun ungläubig auf die kraftstrotzende weisse Dame. Sollte Ihn sein Schachgefühl, entwickelt in Hunderten von Partien, erprobt in jahrzehntelanger Spiel-Praxis, so täuschen?

Hatte Er nicht alles gemacht, was Er seinen Schülern angespriesen hatte: Aktiv gespielt, Figuren in der Eröffnungsphase nur einmal gezogen und gefährlich gegnerische Figuren abgetauscht?

 

Und nun protzte da diese weisse Dame, verdarb Ihm die Rochade und drohte, mit Dxh8+ mindestens einen Turm zu rauben oder nach Txd5 den Exitus des schwarzen Monarchen zu unterstützen. Der Alte kroch förmlich in das Brett hinein. Er spürte, dass Er hier etwas zu beweisen hatte. Alles um das Brett herum verschwand in einem unwichtigen Nebel.

 

                               

 

Plötzlich bewegte sich seine rechte Hand zitternd, als ob sie nicht zu Ihm gehörte, auf seine schwarze Dame zu und bewegte diese schrittweise vorwärts.

 

16…..Dxa2!!

 

Der Alte hielt den geschlagenen Bauern fest in der Hand und bewegte sich keinen Millimeter. Er spürte, wie die Augen seines Gegners unruhig von h8 nach a1 und wieder zurück wanderten.

Jung legte seinen Apfel

 

 

                                     

 

neben den Pott des Alten; dann schlug er zu.

 

17. Dxh8+

 

Turmgewinn und Schachgebot!

 

17…..Ke7

 

                               

 

Ohne jegliche Regung schob Er den König mit nur einer Fingerspitze nach vorne. Der Körper des Alten war bis aufs Äusserste gespannt. Seinem verbleibenden Turm auf a8, den Er nun ebenfalls der weissen Dame zum Frass vorwarf, schenkte Er keinerlei Beachtung. Er starrte einzig und allein auf das Feld a1.

 

18. De5+

 

"Schach"! Natürlich hatte Jung das schwarze Matt mit Da1 gesehen, das ihn dazu zwang, den zweiten schwarzen Turm zu verschmähen, und er begann, nervös auf dem Stuhl hin und her zu rutschen.

 

18…..Le6 19. Dc7+

 

Und zum fünften Male "Schach", aber nur noch mit leiser Stimme. Jung hatte berechnet, dass ihm 19. Dg5+ nicht weiterhalf, weil nach 19…f6! 20. Dg7+ Lf7 alle Tricks mit Td7+ daran scheitern, dass die Dame von a2 aus den Lf7 deckt. Der Alte starrte indessen wie gebannt auf den weissen Monarchen.

 

 

19….Ke8

Wieder nur mit Fingerspitzen zog der Alte den König auf sein Heimatfeld zurück, gefühlsmässig des Weissen Hoffnung auf Kf8? Td8+ zunichte machend.

 

20. c3

 

Und fast bewegungslos führte der Alte jetzt einen weiteren kurzen Zug aus, der die weisse Herrin auf die verzauberte lange schwarze Diagonale zurück treiben sollte.

 

 20….Tc8 21. De5

 

                                  

 

 

Plötzlich explodierte der Alte aus seiner Lauerposition heraus!

Er ergriff seinen Turm und – mit der wahrscheinlich schnellsten Bewegung seit Jahren – riss Er ihn nach vorne….

 

21…..Txc3+!!

 

Krach – "Schach dem weissen König!"

Der zweite Turm des Alten bestand nun auf sein Opfer!

Jung sank über dem Brett zusammen. Des Alten Geist funktionierte jetzt wie in alten Tagen.

Mit Genuss sah Er, dass sowohl das trostlose 22. Kd2 (nach Dxb2+ 23. Ke1 Tc1+) als auch das ergebene 22. Dxc3 (nach Lxc3 23. bxc3 Lb3!) dem Weissen ein sofortiges Matt-Ende bescheren würden.

 

22. bxc3 La3!#   Schachmatt!!! 0-1

 

 

 

                                 

 

Schachmatt (Checkmate) drawing by Elke Rehder

    

 

Jung reichte dem Alten flüchtig die Hand, stand auf und trat einen Schritt zurück.

Erst jetzt, und ganz langsam, lichtete sich der das Brett umgebende Nebel für den Alten.

Apfel und Tee waren unberührt.

Und er war nicht allein; für ihn unbemerkt, hatten sich alle Spieler seiner und der gegnerischen Mannschaft um sein Brett geschart und applaudierten ausnahmslos.

 

 

                                         

 

Sein Hand wurde geschüttelt, seine Schultern freundschaftlich geklopft, und jemand steckte Ihm sogar den weissen König in die Hemdtasche.

 

Als der Alte abends im Bett lag, sah Er das grosse, hölzerne Schachbrett im fahlen Licht der Strassenlampen.

Er wusste nicht, ob er am heutigen Tage wirklich aufgestanden war, oder ob Er den ganzen Tag geträumt hatte. Und als der Alte die Augen schloss, ahnte Er, dass Er lange schlafen würde, sehr lange. Aber Er hatte keine Angst, und sein Lächeln zeichnete sein Glück.

                               Gemalt von Vieira da Silva

 

**********

 

Anmerkung:

 

Mein Jugend-Schachtrainer Erich Uebe (1906-2002) hätte am 22. Juli 2006 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Er war bis in sein letztes Lebensjahr hinein schachlich aktiv und seit 1914 Mitglied des Bitterfelder Schachklubs.

Die der Geschichte zugrund liegende Partie, Paul Robson gegen Andreas Keil, wurde in der 1. Runde des nationalen Finales der Meisterschaften des öffentlichen Dienstes Grossbritanniens, in Leeds, England, am 26. Juli 2006 gespielt.

 

 

Andreas Keil

 

Foto MZ (Mitteldeutsche Zeitung)

 

Nachsatz:

Wir danken nochmals Herrn Andreas Keil, dass er die Genehmigung gab, sein wunderbares Schachmärchen  wiederzugeben.

Erst-Veröffentlichung in KARL 4/2006. 

 

 

Sitges (Barcelona), im Januar 2012                                      


 
 

Optionen:

 
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen