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Freitag, 1. Februar 2013

Bedeutende Turnier der Schachgeschichte – eine Chronik [3]

 
 

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über SCHACH - TICKER von FJ am 27.01.13

Baden-Baden 1870 – 1925 – 2013 –  Vom Internationalen Schachkongress zum GRENKE Chess Classic – Tradition verpflichtet…

 

Unsere Chronik der bedeutenden Schachturniere hatten wir mit einem Beitrag zum 75-jährigen Jubiläum der nach Hastings wohl wichtigsten Turnierserie der Welt in Wijk aan Zee begonnen. Es folgte das Gibraltar Chess Festival, das sich innerhalb nur eines Jahrzehnts den Ruf eines der besten Open in der Welt erworben hat. Teil 3 dieser Serie widmen wir nun aus gegebenem Anlass den Schachturnieren in Baden-Baden, wo im letzten und vorletzten Jahrhundert zwei wichtige Mosaiksteine in der  Schachgeschichte zu verzeichnen sind.  Mit dem GRENKE Chess Classic Baden-Baden  (7.-17. Februar) wird diese Tradition in der berühmten Kurstadt nunmehr fortgesetzt…

 

Eines meiner liebsten Schachbücher ist Hundert Jahre Schachturniere, das 1964 im Verlag W. TEN HAVE N.V. Amsterdam erschien und heute nur noch antiquarisch zu erwerben ist.  Der Autor Dr. P. Feenstra Kuiper hat dabei nicht nur fast 700 Turniere im Zeitraum von 1851 bis 1950 chronologisch erfasst und dazu mehr als 120 der schönsten Partien gestellt,  sondern auch biografische Notizen und Spielerfolge der wichtigsten Schachmeister verfasst und Kurzberichte über die größten Turnier veröffentlicht.

Diese wohl einmalige Chronik der Schachgeschichte beginnt mit dem berühmten Londoner Turnier von 1851 (27. Mai bis 15. Juli) , das im K.-o.-System ausgetragen wurde und bekanntlich mit dem triumphalen Sieg der deutschen Schachlegende Adolf Anderssen  endete.

 
Beim Durchblättern fällt sofort  auf, dass es zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allerdings nur wenige herausragende Schachveranstaltungen gab, und die fanden auch zumeist in England statt. Ein solcher Meilenstein war der 1. Kongress des Englischen Schachbundes, der 1862 (13. Juni bis 5. Juli) natürlich in London  stattfand und erneut  Anderssen auf Platz 1 sah.   

Im gleichen Jahr können wir in Düsseldorf das erste deutsche Schachturnier registrieren, dass zwar nicht beendet wurde, aber mit Max Lange doch einen Sieger in seinen Annalen verzeichnet, der auch 1963 und 1964  Platz 1 belegen wird. International freilich sind diese Veranstaltungen bedeutungslos. Das trifft ebenso  auf  das Kölner Turnier von 1867 zu, das ein gewisser Wilfried Paulsen gewinnt.

 

In jenem Jahr blickt die Schachwelt nach Paris, wo die Franzosen, angeregt vom 1. Londoner Kongress fünf Jahre zuvor, ein internationales Turnier ausrichten, auf dessen Realisierung man allerdings immerhin fünf Jahre warten musste. Platz 1 belegte Ignaz Baron von Kolisch vor Simon Winawer und Wilhelm Steinitz. Gewertet wurden damals nur Siege, und was die Bedenkzeit anging, waren die Regeln auch höchst ungewöhnlich. In der Stunde waren zehn Züge zu absolvieren.  Zusätzliche Bedenkzeit konnte man sich allerdings kaufen,  d.h. für eine Viertelstunde waren 20 Frs. zu zahlen, während dem Gegner dann genau diese Zeit unentgeltlich  zur Verfügung stand.

 
Jener sehr vermögende Baron von Kolisch – das soll unter Schachspielern auch vorkommen – baut uns nun gewissermaßen die  Brücke nach Baden-Baden, denn der Bankier war einer der Initiatoren des Internationalen Kongresses in der Kurstadt, der vom 18. Juli bis 4. August 1870 stattfand.  Dem Turnierausschuss  gehörte neben von Kolisch, der als Sekretär fungierte, ein illustrer Kreis  wie der russische Schriftsteller  Iwan Turgenjew sowie als Präsident Fürst Michail Stourdza an.

 
Wer sich umfassend über diese Veranstaltung informieren will, dem kann ich das von der Schachzentrale Rattmann 2006 herausgegebene Buch DAS SCHACHTURNIER ZU Baden-Baden 1870  empfehlen. Der Autor Stefan Haas  hat dabei nicht zuletzt durch die Einordnung des Turniers in die zeitgeschichtlichen Ereignisse – drei Tage nach Beginn der Veranstaltung begann der deutsch-französische Krieg – ein ausgezeichnetes schachhistorisches Werk verfasst.

 
Ein unbestrittener Verdienst von Stefan Haas ist es in diesem Zusammenhang auch, dass er ein ausführliches Kapitel dem „unbekannten" Meister Adolf Stern gewidmet hat. Der Lokalmatador aus Ludwigshafen und einziger süddeutscher Teilnehmer wurde nach der zweiten Doppelrunde als bayerischer Reservist  einberufen und schied damit aus.

 
Dass der inzwischen 52-jährige Adolf Anderssen auch in diesem ersten internationalen deutschen Turnier  triumphierte und dabei den späteren ersten Schachweltmeister Wilhelm Steinitz zweimal besiegte, sei unbedingt erwähnt. Laut Kuipers Turnier-Report war der Mathematiklehrer aus Breslau übrigens stets zur Flucht bereit, falls Baden-Baden von den Franzosen besetzt worden wäre. „Seine wichtigsten Sachen verstaute er in einer Handtasche, sein größeres Gepäck wollte er als Beute zurück lassen."

 
Eine Analogie in der Schachgeschichte bietet uns übrigens der 19. Kongress des Deutschen Schachbundes,  der am 1. August 1914 wegen Ausbruch des Ersten Weltkrieges abgebrochen werden musste. Im Gegensatz zu Baden-Baden wurden jedoch alle russischen Spieler, darunter  Alexander Aljechin und Jefim Bogoljubow, interniert.

 

Was den Schauplatz Baden-Baden angeht, so sollte er erst wieder 1925 im Focus der internationalen Schachwelt stehen. Wobei das schachlich so nicht ganz stimmt. 1914 organisierte nämlich Aljechin ausgerechnet in Baden-Baden ein doppelrundiges Turnier der internierten russischen Meister, dass Alexander Flamberg vor Jefim Bogoljubow gewann.

 
Zu Beginn der 1920er–Jahre erwachte dann auch wieder der weltweite Spielbetrieb. So fanden in Bad Pistyan, London, Teplitz-Schönau, Wien, Karlsbad, Mährisch-Ostrau, New York, Meran und Paris  zahlreiche Eliteturniere statt.  Und schließlich war auch Deutschland nach dem schrecklichen Ersten Weltkrieg  endlich Austragungsort eines Internationalen Schachturniers (15. April bis 14. Mai 1925), veranstaltet durch die Stadtverwaltung Baden-Baden.

 
War 1870 Ignaz Baron von Kolisch der geistige Vater, so wird es 55 Jahre später  Dr. Siebert Tarrasch sein. „Schon lange hatte ich es als einen schweren Übelstand empfunden, dass seit dem Kriege die großen Schachturniere, wie sie früher so häufig stattfanden, völlig aufgehört haben. Um dem abzuhelfen, wandte ich mich im Herbst vorigen Jahres an die städtische Kurverwaltung der altberühmten Bäderstadt Baden-Baden mit der ausführlich motivierenden Anregung, ein großes internationales Schachturnier zu veranstalten", so der  „Preceptor Germaniae" („Lehrmeister der Deutschen") in seiner Einleitung  in der von ihm persönlich herausgegebenen Sammlung sämtlicher Partien. Sie ist im Schachverlag  Bernhard Kagan 1925 erschienen, und ich gebe zu,  dass ich den schmalen Band  erst in diesen Tagen eher zufällig  bei der Suche nach Informationen  zum zweiten bedeutenden Turnier in Baden-Baden  wieder gefunden habe.

 
Eine schachhistorische Aufarbeitung, so wie sie Stefan Haas mit der Premieren-Veranstaltung von 1870 vorgelegt hat, gibt es leider nicht. Bekannt ist mir neben der Tarrasch-Publikation Internationales Schachturnier zu Baden-Baden, die neben dem einleitenden Beitrag 210 unkommentierte Partien und fünf Bildseiten  enthält, ein Buch vom glanzvollen Turniersieger Alexander Aljechin – Zweiter wurde Akiba Rubinstein vor dem jungen Berliner Meister Fritz Sämisch – unter dem Titel La valeut théoretique du tournoi de Baden-Baden, das 1926 in Brüssel erschienen ist.

 

„Infolge des allseitig befriedigenden Verlaufs der anregenden Veranstaltung ist eine Wiederholung des Turniers für das nächste Jahr, ja vielleicht sogar alljährlich geplant. Möchte der altberühmten  Bäder- und Sportstadt Baden-Baden das große Verdienst, dass sie sich um die Schachwelt erworben, mit großem Verdienst gelohnt werden", so der hoffnungsvolle Ausblick von Siegbert Tarrasch in die Zukunft.

 
Nun, wie wir wissen,  mussten sage und schreibe 88 Jahre vergehen, bis ein Großmeister-Turnier der Spitzenklasse (FIDE-Kategorie 19)  mit dem amtierenden Weltmeister Viswanathan Anand die Tradition der legendären Baden-Badener Wettbewerbe von 1870 und 1925 fortgesetzt wird. Sponsor Wolfgang Grenke und der Deutsche Schachbund, haben die Organisation in die bewährten Hände des Schachzentrums Baden-Baden gelegt. Es gilt als sicher, dass eine erfolgreiche Veranstaltung, die hoffentlich zur Tradition wird, ein weiterer wichtiger Schritt sein kann,  die Kurstadt  als ein bedeutendes Zentrum europäischen Schachs zu etablieren.

 

P.S.: Übrigens gab es zu Beginn der 1980er-Jahren  bereits ernsthafte Versuche, in Baden-Baden an alte Zeiten anzuknüpfen. Ein Höhepunkt waren  zweifellos im Dezember 1992  die beiden parallel durchgeführten Großmeisterturniere [Kategorie 14 und 11], an denen 16 der besten deutschen Schachspieler teilnahmen. Das höherklassigen  sah den damaligen Exweltmeister Anatoli Karpow vor Christopher Lutz  und Artur Jussupow auf Platz 1.


 
Raymund Stolze

 


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